Value Investing – Muss ich ein höheres Risiko eingehen?

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Ist Value Investing überdurchschnittlich riskant? Diese Frage habe ich im Internet schon oft gelesen. Und die Frage ist, wenn man der Einschätzung der modernen Finanztheorie folgt, auch ganz verständlich. Dieser zufolge hängt die Rendite immer vom Risiko einer Kapitalanlage ab. Auch in Beratungsgesprächen in der Bank wird eigentlich immer ein Trade-Off zwischen Rendite und Sicherheit angeboten. Dort soll man meistens seine Risikobereitschaft einschätzen und festlegen, wie hoch der Verlust maximal ausfallen darf. Davon abhängig ist die Rendite, die man bei seinem Investment erwarten darf. Bei dieser Betrachtung ist das Risiko meist durch die Volatilität gekennzeichnet.

Ist Volatilität gleichbedeutend mit Risiko?

Die erste Frage, die sich hier auftut, ist, ob Volatilität tatsächlich das richtige Instrument ist, um Risiko zu bestimmen. Aus Sicht der meisten Value Investoren ist dies zu verneinen, da die Schwankung an sich für den Investor nicht wirklich ein Risiko darstellt. Sollte der Markt an einem Tag einen vermeintlich deutlich zu niedrigen Preis bieten, so wird der Value Investor seine Aktien nicht verkaufen, sondern gegebenenfalls seine Position ausbauen, sprich neue Aktien kaufen. Anderseits kann der Investor die Euphorie nutzen, die manchmal herrscht und eine Aktie in berauschende Höhen treibt, um sie zu verkaufen, wenn er der Meinung ist, dass das Unternehmen den aktuellen Marktpreis nicht wert ist. Ungeachtet der Tatsache, dass ich gerade probiert habe zu verdeutlichen, warum Volatilität eher ungeeignet ist, um das Risiko eines Wertpapieres abzubilden, haben Value Portfolios in der Vergangenheit bewiesen, dass sie allgemein niedrigere Schwankungen aufweisen, als der gesamte Markt und wären demzufolge in der modernen Investmenttheorie als risikoärmer einzuschätzen.

Andere Maßstäbe für Risiko

Das vermeintlich spannendere Argument für das niedrigere Risiko des Value Investing ist die Betrachtung anderer Maßeinheiten für das Risiko, die vermutlich für den Investor interessanter sind. Dazu zählt primär der Umfang an maximal verlorenem Kapital, wie stark ein Wertpapier auf schlechte Nachrichten reagiert und das Ausmaß der Reduktion des Preises in Bärenmärkten, also in Phasen, in denen die Börse im Allgemeinen sinkt. In all diesen Kategorien schneidet das durchschnittliche Value Portfolio besser ab, als der Marktdurchschnitt, es ist also auch anhand von diesen Maßstäben weniger riskant. Diese Maßstäbe beziehen sich eher auf den gesunden Menschenverstand, als die Volatilität, welche für den Value Investor vielmehr ein notwendiger Ursprung für die Kauf- bzw. Verkaufsmöglichkeit von Aktien ist.

Ein Beispiel von Buffett

Um das Ganze noch etwas deutlicher zu machen möchte ich mich auf eine Geschichte beziehen, die Warren Buffett erzählt hat. Im Jahre 1973 ging es der Wirtschaft in Amerika ziemlich schlecht. Dies hatte zur Folge, dass auch die Bewertungen an der Börse teilweise sehr niedrig waren. Buffett, der sich zu der Zeit für ein Investment in die Washington Post interessierte, stellte fest, dass deren Börsenwert zum damaligen Zeitpunkt bei circa 80 Millionen Dollar lag. Er kam anhand seiner Bewertung des intrinsischen Unternehmenswertes zu dem Schluss, dass das Unternehmen circa 400 Millionen Dollar wert war. Buffett fragte daraufhin, was ein weiteres Absinken des Marktpreises auf 40 Millionen Dollar für eine Auswirkung auf das Risiko gehabt hätte. Und genau hier zeigt sich der vorher genannte Zweifel an der Volatilität als Risikomaßstab. Ein weiteres Absinken hätte die Volatilität erhöht und gemäß der modernen Investmenttheorie damit das Risiko der Aktie weiter gesteigert. Dies steht im Gegensatz zu der Einschätzung der Value Investoren (und meines Erachtens nach auch des gesunden Menschenverstandes), demzufolge der niedrigere Preis das Risiko gesenkt hätte, da er die bisher noch nicht näher erläuterte Sicherheitsmarge weiter erhöht hätte. Schlussendlich ist das Risiko also von der Sicherheitsmarge abhängig, die ein Investment bietet und damit weitestgehend unabhängig von der Volatilität.

Fazit

Alles in allem lässt sich festhalten, dass das Value Investing Risiko grundsätzlich geringer ausfällt, als es bei der Anlage in den Gesamtmarkt einzuschätzen ist. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Value Investoren die zu betrachtenden Unternehmen grundsätzlich konservativ bewerten und dabei immer ein Sicherheitsmarge verlangen, um sich gegen fehlerhafte Einschätzungen abzusichern. Sie investieren nur dann, wenn sie davon überzeugt sind, dass ein Unternehmen unterbewertet ist. Deshalb steigen Value Investoren in der Regel nicht in sehr hoch bewertete Wachstumsunternehmen oder dergleichen ein, die, sollten sie ihre Erwartungen nicht erfüllen können, an der Börse oft starke Verluste erleiden. Dies spiegelt sich einerseits in einer niedrigeren Volatilität wider, anderseits aber auch in niedrigeren maximalen Kapitalverlusten und schwächeren Reaktionen auf schlechte Nachrichten wider.

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